Hotelcheck - ein Praxisbericht
Klassifizierung vs. Wirklichkeit – eine Momentaufnahme der deutschen Hotellandschaft
Wunsch und Wirklichkeit klaffen nicht selten auseinander. Immer dort, wo Nachfrager und
Anbieter aufeinanderstoßen, kann diese Lücke besonders groß werden. Zum Beispiel dann,
wenn die Erwartungen von Gästen an das Hotel nicht mit der tatsächlich erlebten Leistung im Einklang stehen.
Derlei Unmutsbekundungen entladen sich heute all zu gerne und zu schnell in Form von
Bewertungen im Internet. Unmutsbekundungen sind aber - wie Hoteliers öfters erfahren dürfen -
nicht immer wirklich gerechtfertigt und fair, insbesondere weil sie schlicht und einfach den
Standard des Hotels „überfordern“.
Schlechte Bewertungen werden manchmal sogar als Druckmittel eingesetzt. Die Anbieter – die Hotels –
stehen somit ständig unter Druck möglichst alles richtig zu machen. Doch bei einer so umfassenden
und komplexen Wohlfühl-Dienstleistung wie einer Hotelübernachtung nebst Mahlzeit ist es nahezu
unmöglich jede Erwartung zu übertreffen. Darin liegt aber zunehmend die Krux, wenn nämlich Gäste
von Hotels Leistungen erwarten, die jedoch in Wirklichkeit nicht dem Standard des Hotels angemessen
sind bzw. diesem entsprechen. Denn Qualitätsanspruch und Erwartung seitens der Gäste sind in den
vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark und nachhaltig angestiegen.
Was aber geschieht, wenn Gäste Dinge erwarten oder verlangen, die sie eigentlich nicht verlangen können,
oder umgekehrt, wenn Hotels Leistungen nicht erbringen, die sie eigentlich zu leisten hätten?
Wie groß ist die Lücke zwischen den Gäste-Erwartungen und den tatsächlichen Hotel-Standards?
Kundenseitig beschäftigen sich damit die immer beliebter werdenden Bewertungsportale, während
sich anbieterseitig Hoteltester am professionellsten mit der Thematik auseinandersetzen.
Ein wissenschaftliches Projekt versuchte diesen Fragen auf den Grund zu gehen, und so wurden
im Zuge des empirischen Teils einer Diplomarbeit, neben den oben besprochenen Aspekten auch
die Qualitäts- und Servicestandards, mehrere Hotels der höheren Kategorie auf die beschriebene
Lücke hin untersucht und evaluiert. Darüber hinaus wurden auch Benchmark-Vergleiche zwischen
den Hotels gezogen, das heißt, es wurde untersucht inwieweit sich 3*-Hotels von 5*-Hotels
unterscheiden. Um zuverlässige Ergebnis zu erhalten, wurden die Hoteltests mit Hilfe eines
modernen Instruments durchgeführt, das bereits national wie international erfolgreich für
diese Zwecke eingesetzt wird.
Für die Messungen und Auswertungen wurde dabei das Tool MOSQUAM (Mobile-Standard-Qualitätsmessung)
verwendet. Mit diesem Gerät wurden die ausgewählten Hotels auf Basis von knapp 800 Kriterien
hinsichtlich ihrer Service- und Prozeßqualität vor der line of visibility gemessen. Ausgangspunkt
der Untersuchungen waren mehrere vorab entwickelte Hypothesen, die es zu verifizieren galt. Eine
davon beispielsweise überprüfte, inwieweit sich die tatsächliche Hotelqualität von der zertifizierten
Dehoga-Sterne-Klassifikation resp. von der gegenüber dem Kunden kommunizierten Sterne-Klassifikation
unterschied. Wurden Differenzen festgestellt, „spuckte“ das Tool diese kritischen Ereignisse
anschließend in Form von praktischen Checklisten aus, die das Hotel-Management dabei unterstützen
sollen, die Mängel schnell und zuverlässig zu beheben.
Kurz: Es ging darum zu überprüfen, ob die nach außen gelebte oder zertifizierte Hotel-Klassifikation
auch den tatsächlichen Ansprüchen Genüge leistet.
Das Ergebnis dieser Standardqualitätschecks lieferte einige spannende Überraschungen. Eine
beispielsweise zeigte, daß insbesondere die Hotels der 3*-Kategorie sehr deutlich über ihrem
Standard lagen, aber auch die untersuchten 4*-Hotels schnitten eher überdurchschnittlich ab,
wohingegen die 5*-Hotels nur knapp noch wirklich den 5*-Standard erfüllten oder sogar darunter lagen.
Dementsprechend zeigt sich auch, daß die Reihenfolge, in der die Hotels im Grunde nach ihren
Sternen gelistet sein müssten, im Gesamtergebnis häufig nicht bestätigt wird. Des weiteren
offenbarte sich, daß die 5*-Hotels eher einem Investitionsstau zu unterliegen scheinen.
Abgenutzte Möbel, ungepflegte Eingänge oder schlechter Service am Front Office sind die häufigsten
Indikatoren für eine Herabstufung des Resultats gewesen. Auch im Housekeeping zeigten sich Mängel
wie ausgefranste Handtücher, Schmutz unter den Betten, nicht beschriftete Fernbedienungen oder
einfach nur kaputte Glühbirnen. Besonders die 4*- und 5*-Hotels könnten ihr Ergebnis schnell
verbessern, wenn die Dienstleistungsqualität der Mitarbeiter verbessert werden würde. So war
kein Personal im SPA-Bereich verfügbar, die Mitarbeiter des Food & Beverage unterhielten sich
lieber, statt sich um die Gäste zu kümmern, in der Lobby wurde nicht bedient, dafür aber privat
telefoniert oder das Front-Office Personal war über das hoteleigene Angebot eines Late-Check-Outs
nicht informiert und begann eine abweisende Diskussion darüber.
Auch wenn das Ergebnis den Eindruck erweckt, daß Hotels mit niedrigeren Sternestandards besser
abgeschnitten haben als höhergestufte Sternehäuser, darf dies nicht verallgemeinert werden, da
die Hotels der 4*- und 5*-Kategorie grundsätzlich mehr Kriterien zu erfüllen haben. Daher
überrascht es auch nicht, daß absolut betrachtet mehr kritische Ereignisse (Testkriterien,
die auf einer 6er-Skala mit 2 oder weniger Punkten bewertet worden) bei den 5*-Hotels zu verzeichnen
gewesen sind.
Das Ergebnis bestätigt außerdem die häufig vertretene Meinung, daß aufgrund der
strengeren Beurteilung der Qualität eines höher klassifizierten Hauses (etwa Fünf-Sterne-Hotellerie),
oftmals stärker Defizite oder Mängel hervorgehoben werden als in kleiner klassifizierten Hotels
(etwa Drei- und Vier-Sterne-Hotels). Gleichwohl aber deuten die gemessenen Ergebnisse darauf hin,
daß die 5*-Häuser in ihrer gesamten Bandbreite tendenziell bessere Ergebnisse erzielen als die
3*-Hotels, aber noch siginifikant mehr Entwicklungspotential nach oben besitzen, welches es durchaus
auszureizen gilt, um sich deutlicher abzusetzen.
Weiter wurde der Bereich Security/Engineering getestet. Obgleich das Gesamtergebnis bei
Security/Engineering zwischen den 3*- und 5*-Hotels moderate Schwankungen zeigt, fällt dennoch
auf, daß sich mit der steigenden Anzahl an Sternen das Ergebnis der Sicherheitsvorkehrungen
verschlechterte. Besonders im SPA-Bereich schneidet das Security/Engineering am schlechtesten
ab, was eher darin begründet liegt, daß es den Hotels weitgehend selbst überlassen ist entsprechende
Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Häufig fehlt ausreichend Personal, das die SPA-Bereiche der
Hotels betreut und für Notfälle an Ort und Stelle wäre. Ein wichtiger Punkt, da ältere Gäste
einen beträchtlichen Anteil der Besucher ausmachen.
Insgesamt aber wurden in dieser Kategorie durchweg hohe Ergebnisse erzielt, die alle im
oberen 4*- und 5*-Segment liegen, was vor allem auch an den hohen gesetzlichen Vorgaben liegt,
die schließlich von jedem Hotel eingehalten werden müssen
Auf die Bereiche Food & Beverages und Front Office/Room Division entfallen - unabhängig von den
jeweiligen Hotelkategorien – die meisten kritischen Ereignisse. Im Durchschnitt lassen sich rund
80% aller kritischen Ereignisse entweder auf Mängel beim Frühstücken/Essen oder aufgrund von
Mängeln im Zimmer/Bad zurückführen. Die Ergebnisauswertung bestätigt, daß die Kernleistungen
eines Hotels – worunter die Qualität der Zimmer, Sanitäranlagen und das Frühstück fallen –
besonders im Fokus der Gästeerwartungen stehen und deshalb stets sehr kritikanfällig sind.
Aus diesem Grund sollten insbesondere Leistungen der Abteilungen Front Office/Rooms Division
bzw. Food & Beverages regelmäßig auf kritische Ereignisse hin überprüft werden. Gerade weil ein
Hotelgast sehr sensibel wahrnimmt, welche Zimmerausstattung oder Frühstücksqualität er in einem
Hotel vorfindet, muß diesem Bereich alle Aufmerksamkeit gelten. Es zeigt sich auch, daß Mängel
in der Hardware (z.B. beschädigtes Geschirr, falsch eingedeckter Tisch, nicht sorgfältig
gesäuberter Tisch) durchaus durch eine besondere Leistung im Service (z.B. schnelle und
aufmerksame Beseitigung des Fehlers, freundliches, zuvorkommendes und entschuldigendes
Verhalten) mehr als ausgeglichen werden könnte. So beurteilen Gäste z.B. einen nicht angeräumten
Frühstückstisch kaum als Mangel, wenn sich das Personal freundlich entschuldigt und schnell für
Abhilfe sorgt. So sorgt gerade ein herzlicher Kontakt zwischen Gästen und Mitarbeitern eher
sogar für eine positivere Beurteilung. Ist der Tisch aber unsauber und das Personal reagiert
nicht oder nur langsam auf die Beanstandung und das auch noch gleichgültig, fällt die
Beurteilung doppelt schlecht aus und ein einfacher Mangel wird noch schlechter als er tatsächlich
ist wahrgenommen und bewertet.
Insgesamt betrachtet, kann festgehalten werden, daß die untersuchten Hotels den zertifizierten
Standards in großen Teilen entsprechen und somit auch das „liefern“ was sie liefern sollen.
Darüber hinaus konnte sehr zur Freude der Gäste festgestellt werden, daß die Hotels mittlerer
Kategorie meistens überperformten und deshalb die eigentlich zu erwartende Qualität
übererfüllten. Doch jede Medaille hat zwei Seiten und somit ist auch dieses erfreuliche
Ergebnis mit einem Schatten belegt. Denn gerade durch diese Übererfüllung wird die
Erwartungshaltung auf der Gästeseite signifikant angehoben und führt schnell zur Unzufriedenheit.
Was soll ein 4*-Haus machen, wenn bereits 3*-Hotels sehr gute 4*-Leistungen anbieten? Was erst
hat dann ein 5*-Haus zu bieten?
Methodik
Gemessen wurde die Hotelqualität mit dem Tool MOSQUAM „vor der line of visibility“.
Mosquam bewertet derzeit insgesamt über 1.000 Testkriterien, und liefert nach Beendigung
der Untersuchung innerhalb von wenigen Sekunden das Ergebnis.
Im Zuge des vorliegenden Tests wurden „vor der line of visibility“ rund 800 Kriterien überprüft.
Die Untersuchung und Bewertung eines Hotels benötigte rund 1,5 Tage, damit sowohl F&B-Leistungen
als auch gegebenenfalls SPA-Leistungen und andere Hotel-Services getestet werden konnten.
Die Netto-Testdauer ist abhängig von der Zahl der zu untersuchenden Hotelbereiche und der damit
verbundenen Anzahl an Kriterien und schwankt durchschnittlich zwischen 4 bis 6 Stunden. Für den
Test wurden in Oberbayern sechs Hotels ausgewählt. Davon waren je zwei offiziell als 5*-, als 4*-
und als 3*-Hotels klassifiziert.